Anomalie - Zyklus Thorben Perth

Donnerstag, 11. Februar 2016

Ausdauer

Für viele Autisten ist Veränderung ein Gräuel. Zu vieles wird aus den Fugen gebracht. Bewährte Abläufe müssen sich ändern. Das gibt unnötigen Aufwand. Es ist deshalb kein Wunder, dass einer Veränderung aus dem Weg gegangen wird - man vielleicht sogar als stur und unbeweglich betrachtet wird.

Mit der Zeit lernt man, dass Veränderung auch positiv sein kann. Dennoch, ein Autist muss sich ändern wollen und das geht zumeist nur über gute und nachvollziehbare Argumente.

Diese Unbeweglichkeit / Sturheit kann jedoch auch kultiviert werden und für den Arbeitsalltag, Hobbies oder persönliche Ziele ausgenutzt werden. Denn Sturheit und Ausdauer liegen näher, als man auf den ersten Moment denken mag.

Bei Ausdauer bleibt jemand so lange an etwas mit Begeisterung oder Überzeugung dabei, bis er sein Ziel erreicht hat. Da ist es egal, um was es sich handelt. Es braucht nur Überzeugung und ein Ziel. Die Sturheit ist dann der Schlüssel, das Ziel zu erreichen.

Wenn also ein Autist von etwas überzeugt ist, dann kann man nur bewundern, wie so jemand über Wochen, Monate oder vielleicht sogar Jahre an einer Sache dran bleiben kann. Niemand kann sich vorstellen, wie jemand so viel Energie in etwas reinstecken kann.

Letzten Endes macht es nur die Überzeugung aus, ob jemand als stur oder ausdauernd von außerhalb angeschaut wird.


Donnerstag, 17. September 2015

Talent

Manche mögen Asperger als Einschränkung, Fluch oder Behinderung abtun. Doch je älter ich werde, um so mehr komme ich zur Überzeugung, dass es ein Talent ist.

Es ist das Talent anders sein zu dürfen und frei zu denken, Wege zu gehen, welcher noch kein anderer Mensch zuvor gegangen ist.

Nicht umsonst werden große Genies im Nachhinein dem Asperger-Syndrom zugeordnet, seien dies Einstein, Darwin, Mozart, etc.

Was alle gemeinsam haben, dass sie mit ihrer penetranten Art, anders zu denken, der ganzen Welt etwas hinterlassen haben, das heute nicht mehr wegzudenken ist.

Sie hatten die Fähigkeit, über Umwege Abkürzungen zu finden. Diese Umwege wurden zu Beginn verhöhnt. Doch das Resultat und der Weg dahin schien im Nachhinein so einfach, dass sich nicht wenige fragten, wieso man nicht früher darauf gekommen ist.

Einfacher als E=mc2 kann man die Welt nicht darstellen.

Ich selbst wünsche mir, dass ich eines Tages auch der Welt etwas von meiner einfachen Sicht der Dinge hinterlassen kann. So berühmt wie Einstein oder Mozart zu werden wage ich mir aber nicht anzumassen. Sie hatten wirklich ihre Denkweise perfektioniert ohne Rücksicht auf Verluste. So weit möchte ich dann doch nicht gehen.

Euer Thorben Perth 


Mittwoch, 19. August 2015

Yin Yang

Als Autist hat man eindeutig Schwächen in der Empathie. Bei mir drückt sich dies dahingehend aus, dass das soziale Gleichgewicht in mir drin gestört ist, sozusagen Yin und Yang nicht mehr ausgeglichen sind.

Die helle Seite ist für mich das Ideal, sozial zu sein, Gefühle zu zeigen, mich mit anderen zu freuen. Die dunkle Seite jedoch das, was ich persönlich nicht erstreben möchte. Aber genau diese Seite wird übermächtig, wenn ich mich meinem Urcharakter, den ich zur Geburt bekommen habe, hingebe. Ich würde innerhalb kürzester Zeit asozial, egoistisch und selbstverliebt werden.

Es ist ein ständiger Kampf in mir drin, genau dieses Gleichgewicht wieder herzustellen. Denn schließlich müssen sich beide Seiten ausleben können. Nur so kann man als Mensch ausgeglichen und glücklich sein. Nur wer gibt, kann auch etwas zurückbekommen. Aber wer nimmt, der wird daran erinnert, auch mal wieder was zurückzugeben.

Eigentlich paradox. Man muss sich zu etwas zwingen, um glücklich zu sein. Das bedingt aber auch, dass dieses Gleichgewicht nie optimal ist. Egal wie ausgeklügelt ich die Balance zu halten versuche, ca. 5% fehlen mir einfach immer. Das sind die Momente im Leben, in denen ich soziale Situationen falsch interpretiere oder die dunkle Seite mich kalt erwischt.

Die einzige Zeit, in der ich keine Kontrolle über mich habe, ist im Schlaf. Wenn ich über längere Zeit Stress habe und ich zu müde werde, die Balance aufrecht zu erhalten, dann kommt es zumal vor, dass sich mein dunkles Ich in der Nacht über Schlafwandeln austobt (wenn zumeist nur verbal, doch auch Worte verletzen). Für mich eine Katastrophe, da ich dann den völligen Kontrollverlust habe.

Ich habe über die Zeit meine Methoden gefunden, gerade Stresssituationen zu meistern über autogenes Training, Tai Chi, über Musik hören, Bücher schreiben, usw. Dennoch kommen diese Austicker immer wieder. Auch wenn sie für mich peinlich sind, so sind sie immer ein Gradmesser, dass ich es in der letzten Zeit übetrieben habe und wieder an mir arbeiten muss.

Yin und Yang gehören zusammen. Ausgeglichen machen sie glücklich. Ich schätze es sehr, dass ich es über die Jahre geschafft habe, diese Balance einigermaßen hinzukriegen. Nur wenn alle etwas von sich geben, haben alle zusammen mehr davon.

Donnerstag, 9. Juli 2015

Gegen den Strom

Als Autist ist es schwierig, im Gleichschritt mit den anderen Menschen zu gehen. Zu vieles ist zu unlogisch und unerklärbar. Da regt sich in der Natur der eigenen Denkweise Widerstand.

Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, wieso man gegen den Strom schwimmt, koste was es wolle, bis zur Selbstaufgabe. Bei manchen mag dies wie Sturheit vorkommen, doch das liegt in der Logik der Sache: Wieso soll man wie ein Lemming mit den anderen den Wasserfall hinunterfallen, der doch in der nahen Zukunft auf einem wartet?

Man sieht so vieles auf einem zukommen im Leben, das vorhersehbar ist oder zumindest eine reelle Chance hat, einzutreten. Deshalb sucht man sich ja auch aus jeder Situation über einen Umweg eine Abkürzung.

Was am Anfang noch schwierig ist, entwickelt sich über die Zeit als ein ausgeklügeltes System. Niemand hat die Energie, ständig gegen den Strom zu schwimmen. Man lernt, im richtigen Moment zur Seite oder leicht schräg gegen die Strömung anzukämpfen, um Energie zu sparen. Ein gesunder Hang zu Faulheit zahlt sich eben aus. In toten Winkeln kann man sich erholen und als Belohnung winkt auch ab und zu das rettende Ufer.

Das Schwierigste ist jedoch, nur so gegen den Strom zu schwimmen, dass man sich nicht zu sehr von der Gesellschaft abkapselt und so als Spinner oder Querulant abgestempelt wird. Man muss auch lernen, sich manchmal treiben zu lassen und abzuwarten. Das sind die Zeiten, in denen man die Strömung studieren kann und genau sieht, wann der nächste Wasserfall kommt. Dann ist es Zeit, ans Ufer zu gehen und den Wasserfall zu umgehen.

Wenn ich also nicht immer das tue, was andere von mir erwarten, so hat dies auch durchaus seinen Grund. Darin sind sich Anomalie, mein Hauptcharakter in meinen Büchern, und ich sehr ähnlich. Wir beide wagen bewusst oder unbewusst den Blick in die Zukunft, um sich vor Enttäuschungen zu bewahren.

Mittwoch, 17. Juni 2015

Mehrdimensionales Denken

Die erste Dimension ist eine Gerade, die zweite eine Fläche, die dritte ein Volumen und die vierte die Zeit, aber die fünfte, sechste, siebte, ... ? Habt ihr deshalb schon mal versucht, Informationen im Kopf mehrdimensional zu verbinden?

Das Tolle an Informationen ist doch, dass sie mit mehreren anderen Informationen in irgendeiner Form zusammenhängen. Wenn eine Information zwei Verknüpfungspunkte hat, dann bilden diese eine Fläche, auf der sich weitere ähnliche Informationen tummeln können. Wenn eine Information jedoch drei Verknüpfungspunkte hat und sich mehrere Informationen mit diesen je eine Fläche teilen, dann durchschneiden sich diese Flächen. Das lässt sich beliebig mit jeder Verbindung erweitern. Eine Information kann so mannigfaltige Informationsverknüpfungsflächen haben.

Das Dumme dabei ist ja, dass es ja mehrere Informationen gibt und jede steht wieder mit anderen in Verbindung und wieder mit anderen in Verbindung. Das gibt unendliche Verknüpfungsflächen, die man sich nicht mehr vorstellen kann. Stellt man sich diese Flächen hingegen jede für sich als eine eigene Dimension vor, dann kann man sich darauf vor und zurückbewegen. Aber es ist auch ein Einfaches von einer Dimension über die Informationen in eine andere Dimension abzweigen.

Es ist ein mannigfaltiges Universum an Erkenntnissen, die nur darauf warten, entdeckt zu werden. Denn aus jeder Erkenntnis ergibt sich wieder eine neue Ebene, sprich Dimension, auf der sich plötzlich neue Informationen tummeln. Um sich das noch vorstellen zu können, biegen wir mal wie in einem Wurmloch diese Ebenen und daraus gibt sich ein Knäuel, indem wir uns beliebig bewegen können.

Ich als Autist denke so. Meine Intuition lenkt mich dabei, so dass ich mich nicht verirre. Über jede Erkenntnis freue ich mich und genau über diesen Trick mit den gebogenen Ebenen finde ich über einen Umweg meist die einfachere und bessere Lösung für Probleme an denen ich arbeite.

So ist auch meine virtuelle Welt in in meinem Fantasy-Zyklus "Anomalie" aufgebaut. Die ganzen Charaktere, Welten, Regeln, Ausnahmen, Gegebenheiten, usw. haben sich über die Jahre genau so aufgebaut. Nur in diesem Fall bin ich der Architekt dieser mehrdimensionalen Welt und biege mir die Dimensionen so zurecht, wie ich sie haben möchte. Nur muss ich dabei aufpassen, dass ich die Kreuzungspunkte nicht verschiebe, denn das würde in Widersprüchen in meiner virtuellen Welt hervorrufen. Das darf nicht sein.

Mittwoch, 1. April 2015

Lesezeichen mal anders

Lesezeichen dienen im Leben dazu, in Büchern oder im Internet das wiederzufinden, wo man zuletzt war oder was einem wichtig ist.

Für mich sind Lesezeichen aber viel mehr. Über Durchhaltewillen kann ich mich ja nicht beklagen, doch zu oft muss ich mitten in einer Arbeit oder einem Projekt aufhören. Damit ich dann nicht verpasse, wo ich aufgehört habe, setze ich in meinem Kopf eine Lesezeichen. Dann kann ich später genau dort weitermachen, wo ich aufgehört habe.

Wenn da nur nicht meine vielen Interessen wären. So viele Dinge die man kreuz und quer aufhören und wieder anfangen muss. Da kann man leicht den Überblick verlieren. Dank meinen gedanklichen Lesezeichen kann ich aber Ordnung ins Chaos bringen und mal hier aufhören und mal da weitermachen.

Das funktioniert sogar so gut, dass ich bei meinen Büchern ein paar Tage oder Wochen aussetzen kann und praktisch unterbrechungsfrei weiterarbeiten, wenn sich mir die Zeit bietet. So hatte ich es bei meinem aktuellen Buchentwurf gehalten. Zum Teil musste ich zwischendurch das erste Buch, das in der Veröffentlichung stand, nacharbeiten. Da musste dann das neue Buch eben warten, bis Zeit dazu war, wieder weiterzuarbeiten. Dieses Wechselspiel ging über Monate.

Wieso ich da kein Durcheinander kriege, weiss ich nicht. Es funktioniert einfach. Es ist wie Schubladen ziehen, wenn man sie braucht. Was man da rein gelegt hat, ist dann einfach wieder da.

Donnerstag, 26. Februar 2015

Chaostheorie der Gefühle


Für viele Autisten ist die Chaostheorie logischer als Gefühle. Das heisst aber im Umkehrschluss nicht, dass Autisten keine Gefühle haben und diese auch nicht zeigen können. Wir durchleben die genau gleichen Gefühle wie andere Menschen auch.

Der Unterschied ist nur, dass wir Probleme haben, auf die Gefühle unserer Mitmenschen richtig zu reagieren. Gefühle folgen keiner Logik, darum heissen sie auch so. Gefühle machen Menschen aus. Sie zeigen die Situationen, in denen sie sich gerade befinden.

Wenn wir nur genügend Zeit haben, diese zu analysieren, dann reagieren wir auch richtig. Nur hat man im Alltag diese Zeit nicht. Situationen erfordern ein rasches Handeln und wenn wir darin gehetzt werden, erkennen wir oft Situationen nicht, in denen man eigentlich handeln und eingreifen sollte. Die andere Seite der Medaille ist, dass wenn wir merken, dass wir reagieren müssen, wir das Falsche tun. Nicht, dass wir das nicht merken würden. Doch wenn wir etwas gesagt oder getan haben, ist es schon passiert und kann nicht mehr rückgängig gemacht werden.

Da ich persönlich nur sehr ungern Fehler mache, führt dies oft dazu, dass ich eben überhaupt nicht reagiere – auch falsch.

Doch auch hinter der Chaostheorie stecken Regelmässigkeiten, so auch bei den Gefühlen. Über die Jahre habe ich gelernt, damit besser umzugehen und richtig zu handeln. Doch auch mich erwischt es immer wieder, dass ich Fehler mache. Nur ärgere mich nicht mehr so sehr darüber, entschuldige mich und lerne daraus. So tune ich mein Regelwerk, das ich mir zurechtgelegt habe, um auf meine Mitmenschen zu reagieren.

Beim Bücherschreiben kann ich zudem alle Situationen durchspielen und die jeweils Beste auswählen, welche den Geschichtsverlauf fördert. Das hilft mir in zweierlei Hinsicht: als Autor wie auch im Privatleben.

Also alles gar nicht so schlimm, solange man bereit ist, Fehler zu machen. Fehler sind dazu da, zu lernen – und Gefühle, um sich der Umwelt mitzuteilen oder Feedback zu erhalten.

Mittwoch, 11. Februar 2015

Auge um Auge


Vielen Autisten kann man es sprichwörtlich an ihrem Verhalten ansehen, dass sie anders sind. Oft wird der Blickkontakt zu anderen gemieden.

Aus meiner Sicht ist dies ein Schutzmechanismus. Denn die Augen sind das Tor zur Seele. Das Leben schnürt einem Jeden einen Rucksack aus Freude, Traurigkeit, Wut, Ohnmächtigkeit, Gleichgültigkeit, Enttäuschung, … Das liesse sich endlos weiterführen.

Ein Augenkontakt öffnet das Tor zur Gefühlswelt des Gegenübers - jahrelang angestaute Spuren an Eindrücken. Man stelle sich vor, welche Flut an Gefühlen auf einem eindringt, wenn man einen Menschen nicht kennt und wenn man diese Gefühle nicht sortieren kann. Gefühle sind für Autisten schon schwierig genug. Es ist ein Buch mit sieben Siegeln. Ein Augenkontakt fühlt sich an wie ein Dammbruch und der schmerzt in der Seele.

Auch wenn ich das Beobachten von Leuten und ihrer Verhaltensweisen liebe, so meide ich dennoch den Blickkontakt. Ich will nicht von jedem meiner Gegenüber die ganze Gefühlswelt aufgetischt bekommen, ohne dass ich oder das Gegenüber das möchte. Noch schlimmer, wenn die Gespräche mit diesen Leuten und das Gefühlte aus dem Augenkontakt diametral auseinandergehen. Das verwirrt nur. Wem soll man denn nun Glauben: den Augen oder den Lippenbekundungen?

Zum Glück habe ich bis heute gelernt, damit umzugehen – den Augenkontakt zu suchen, aber nur flüchtig, meine Schranken hochzuziehen, bevor mich der Schwall aus Gefühlen treffen kann.

Und dennoch, wenn man den Leuten, die man mag, in die Augen blickt, dann geniesst man den Augenkontakt. Denn da ist man mit der Geschichte der Personen vertraut und kann mit den aufgetischten Gefühlen umgehen.

Freitag, 23. Januar 2015

Wie erschaffe ich eine Welt


Wen begeistern nicht Bücher bzw. Filme wie Herr der Ringe, Darkover, Dune oder Star Wars. Doch wenn man analysiert, wie die einzelnen Puzzleteile dieser Welten zusammenpassen, dann wird man sich mit der Zeit bewusst, dass dies kein Zufall sein kann. Da steckt penible Planung dahinter und soziale Gefüge, welche weit über das Vorstellungsvermögen hinausgehen.

Gerade da finde ich es spannend, in solche Zyklen einzutauchen und die Regelwerke zu erforschen. Ich freue mich über jeden Puzzlestein, welcher das Gesamtbild vervollkomnet, über jeden Irrweg, welcher nach der Auflösung in einem neuen endet.

Kein Wunder, dass ich selbst an einem solchen Zyklus über Jahre arbeite. So weit wie bei Herr der Ringe werde ich es jedoch nicht treiben. Die Detailtreue dort raubt mir den Atem. Selbst schaue ich penibel, dass meine Fantasiewelt mit allen Schönheiten und Spannungen in sich stimmig ist. Und wie im wahren Leben, es gibt keine Regel ohne Ausnahme, solange sie nicht gegen die grundlegenden Prinzipien verstösst.

Apropos wahres Leben: Wer denkt, dass alles erfunden ist, irrt sich. Noch immer schreibt die besten Geschichten das wahre Leben. Nur wer unsere Umwelt beobachtet, kann diese Perlen entdecken und sie in die eigene Welt adaptieren.

Wie weit das noch gehen wird? Ich habe noch genügend Material in die Vergangenheit, wie auch in die Zukunft, dass ich beliebig Bücher erschaffen kann und Facetten aus dem Universum der „Anomalie“ auskoppeln kann. Einzig meiner Fantasie und meiner Zeit als Autor sind Grenzen gesetzt.

Mittwoch, 7. Januar 2015

Gefühlte Sprache


Bei einigen Asperger-Autisten, mich nicht ausgenommen, fühlen sich Zahlen und Formeln einfach nur gut an. Sie haben so eine logische Regelmässigkeit an sich. Dreht man an einem Ort das Schräubchen, ist das Resultat an einem anderen Ort zielsicher bestimmbar.

Welch ein Graus war für mich die deutsche Sprache in der Primarschule. In den ersten Jahren hasste ich Aufsätze und Geschichten schreiben. Das Ding wollte sich einfach keinen nachvollziehbaren Regeln stellen. Dementsprechend waren auch die Noten im Keller beim freien Schreiben von Aufsätzen.

Die Freude der Sprache entdeckte ich erst in der Realschule. Da stellte ich fest, dass auch das Deutsche Regeln folgt, trotz der schieren Vielfalt an Möglichkeiten, Kombinationen und Ausnahmen. Ja, auch Ausnahmen sind Regeln, wenn auch nur eine Regel für einen einzelnen Fall.

Aufsätze waren von einem Monat auf den anderen meine liebste Tätigkeit. Die Vielfalt der Sprache wurde zu meinem Freund und die Texte ausgefeilter. Mit dem ersten Familiencomputer begann ich meine eigenen Bücher zu schreiben. Da konnte ich endlich experimentieren, umstellen, umschreiben und feilen, bis sich die Sätze gut anfühlten.
Wenn ich heute die Texte von damals lese, schmerzen mich die Sätze. Sie fühlen sich holprig und unreif an (im Ernst, da liegen auch Jahrzehnte dazwischen). Ich habe in den Jahren so viele neue Regeln gelernt, wie die deutsche Sprache noch schöner und runder wird, dass die Ansprüche an die aneinandergereihten Worte viel höher liegen.

Denn heute weiss ich, wenn ich an einem Wort im Satz die Schraube drehe, welche anderen Teile sich anpassen müssen, damit der Lesefluss wieder stimmt. Das geht auch über mehrere Sätze hinweg, bis sie sich zu einem harmonischen Ganzen, einer Geschichte, zusammenfügen.

Dienstag, 30. Dezember 2014

Soziale Buchhaltung


Gerade diese Jahreszeit ist für mich besonders. Es ist Zeit Bilanz zu ziehen. Bei mir hat dies eine besondere Bewandtnis: Ich kann mich gegenüber meinen Mitmenschen nur sozial verhalten, indem ich im Kopf Buchhaltung führe.

Tönt skurril? Ist es auch. Ganz einfaches Beispiel: Ein Kollege lädt mich zu einem belegten Brötchen ein. Ich notiere mir das innerlich. Derselbe Kollege nimmt mich mit dem Auto mit. Ich notiere mir das innerlich. Irgendwann habe ich zu viele Schulden diesem Kollegen gegenüber und lade ihn, um das auszugleichen, zum Essen ein oder zahle die nächste Tankfüllung, wenn sich die Chance dazu ergibt.

Weihnachten ist hier viel Stress für mich. So viele Personen, die mir etwas schenken und ich das irgendwie wieder ausgleichen muss. Meine Bilanz schaut hier dann nicht immer ausgeglichen aus und das stört mich.

Besonders schwierig, was schenkt man zurück, wenn man noch gar nicht weiss, was man bekommt. Hier habe ich über die letzten Jahren die Buchhaltung verfeinert. Nicht nur Materielles wird einbezogen, sondern auch die persönliche Wertschätzung gegenüber meinen Lieben. Ich erlaube mir hier und da Abzüge oder Zuschläge zu vermerken. Nicht nur Materielles beziehe ich hier ein, sondern auch Gefälligkeiten, Aushelfen oder einfach nur einen gemütlichen Abend beisammen zu sein.

In meinen Büchern nutze ich diese Fähigkeiten, um soziale Spannungen zu generieren oder die vom Leser erwartete Gerechtigkeit wiederherzustellen.

In diesem Sinne schliesse ich meine Buchhaltung für dieses Jahr. Nur wenige Posten sind noch offen. Es war ein gutes Jahr. Ein paar Abschreiber erlaube ich mir auch dieses Jahr. Denn so lebe ich: Gib zehn, nimm eins.

Mittwoch, 17. Dezember 2014

Schreiben statt Reden


Zu reden, heisst spontan sein. Spontanität ist einer meiner Feinde seit jeher. Alles soll sich ja schliesslich in geordneten Bahnen bewegen. Aber ohne Reden geht es eben nicht. Es ist ein notwendiges Übel, damit man nicht aus der Gesellschaft ausgegrenzt wird.

Die deutsche Sprache hat zudem die Angewohnheit, unendliche Möglichkeiten an Variationen zu bieten. Wenn ich schreibe, dann geniesse ich diese Vielfalt, denn so kann ich die Sprache spüren und die richtige Kombination der Wörter herausfeilen, bis alles passt.

Nur beim Reden, da stolpere ich über diese Möglichkeiten. Ich will zu viel sagen, zu viel verschachteln, verhaspele mich. Mit den Sprichwörtern stehe ich dann auf Kriegsfuss, obwohl ich alle wichtigen kenne, wenn ich schreibe. Beim Reden verdrehe ich regelmässig Wörter, der Sinn geht verloren. Kaum ausgesprochen, merke ich die Fehler. Das kann sogar soweit gehen, dass ich genau das Gegenteil sage, von dem, was ich wirklich meine.

Ganz schlimm ist es, wenn ungeordnete Gruppen aus Menschen um mich stehen und reden. Zumeist sind dies Feste oder Versammlungen. Da fühlt sich der Raum wie ein Bienenstock an. Ich verstehe kein Wort mehr und werde still, rede kaum noch. Dann hilft mir nur noch das gezielte Fokussieren auf einzelne Personen.

Auch das Telefon fühlt sich nicht richtig an. Ich kein Gegenüber und auch die Mimik und Gestik fehlt, um alles richtig zu verstehen. Oft muss ich nachfragen, ob ich alles richtig verstanden habe.

Es gibt nur eine Ausnahme, da ist Reden einfach. Wenn es um meine Lieblingsthemen, meinen Wissenschatz in einem einzelnen Bereich, geht. Da kann ich meine Gesprächspartner in Grund und Boden reden – auch nicht wirklich gut, da ich es zu spät merke.

Zum Glück werde ich jedes Jahr älter und darf auf einen grösseren Erfahrungsschatz zurückgreifen. So fällt es mir heute wesentlich einfacher zu reden, als noch vor ein paar Jahren.

Donnerstag, 4. Dezember 2014

Umweg als Abkürzung


Der Mensch neigt dazu, seine Wege zu seinen Zielen abzukürzen. Dabei wird oft der direkteste Weg gewählt.

Als Autist denke ich da anders. Da kann ein Umweg die viel einfachere Lösung sein. Das scheint paradox, doch möchte ich folgendes Beispiel zur Verdeuchtlichung der "Abkürzung" nehmen:
Wenn der direkte Weg durch Sümpfe und Berge führt, jedoch der Umweg drum herum eben und trocken ist, so ist dies der schnellere Weg.

Wenn man diese Fähigkeit, etwas abseits zu denken, perfektioniert, findet man im Leben oft die besseren, schnelleren und einfacheren Lösungen. Das nennt man dann Effizienz.

In der Literatur, da halte ich es genau umgekehrt. Ich sehe mit meinem roten Faden das Ziel klar vor mir. Den Leser lasse ich den Faden höchstens erahnen, indem ich versteckte Hinweise streue. Falsche Hinweise leiten den Leser jedoch bewusst fehl.
So irren die Charaktere, begleitet vom Leser, von einem Problem ins nächste. Erst kurz vor Ende der Geschichte laufen die Fäden wieder zusammen für das grosse Aha-Erlebnis.

Den „besten“ Weg hier zu wählen wäre viel zu langweilig. Da wäre die Geschichte nur wenige Seiten lang. Deshalb sind Verirrungen und Verwirrungen in diesem Sinne besser, denn nur das Leseerlebnis zählt.

Im wahren Leben lebe ich Effizient, im fiktiven Leben die Ineffizienz. In beiden Fällen ist der Umweg die bessere Lösung.

Mittwoch, 26. November 2014

Intuition – wenn Gedanken im Hintergrund kreisen


Kreativität hat mit Eingebung zu tun. Wo stände man als Autor ohne diese Impulse, die eine Geschichte erst entstehen lassen.

Lange dachte ich, dass genau diese Intuition von selbst kommt, sich gordische Knoten in den Geschichtssträngen plötzlich mit einer ganze einfachen Variante von selbst auflösen. Doch Intuition ist viel mehr der Extrakt aus dem Unterbewusstsein, welches mir die Resultate nach endlosen Gedankenrunden präsentiert.

Mir ist das erst so richtig bewusst geworden, als ich merkte, dass in vielen Pausen, in denen ich mich normalerweise entspanne, im Hintergrund die Gedanken kreisen. Wenn ich für meine Bücher an den Welten feile, finden sich gerade diese Gedanken dort wieder. Wie durch ein Milchglas schimmern sie in mein Bewusstsein durch.

Erst da ist mir bewusst geworden, wie sehr mich meine Welten vereinnehmen. Es kann dabei durchaus passieren, dass ein Problem mehrere Monate im Unterbewusstsein gärt, bis plötzlich die Lösung für komplexe Zusammenhänge über einen ganz einfachen Mechanismus ins Bewusstsein drängt.

Ich liebe es, ohne Druck an meinen Geschichten zu bauen. Kapitel dürfen sich über Wochen und Monate entwickeln und werden gerade dadurch stimmig.

Wenn ich mir darüber auch bewusst bin, woher die Intuition kommt, überrascht sie mich immer wieder. Ich kann oft nicht erkennen, womit sich mein Unterbewusstsein tief verborgen gerade beschäftigt.

Donnerstag, 20. November 2014

Charaktere im Spannungsfeld sozialer Defizite

Die sozialen Zusammenhänge in dieser Welt zu verstehen ist ein Buch mit sieben Siegeln. Denn soziale Zusammenhänge folgen keinen Regeln, sondern Gefühlen. Ein Desaster, wenn man es sich gewohnt ist, seine Welt mit Regeln zu organisieren.

Wie soll man etwas lernen, was nur aus Ausnahmen besteht bzw. winzigste Unterscheide komplett andere Verhaltensweisen hervorrufen?

Eine der Überlebensstrategien eines Autisten ist es, andere zu beobachten und daraus zu lernen. Natürlich nicht Leute anstarren, sondern dezent beobachten. Eine andere, hunderte Male pro Tag Situationen im Kopf durchspielen und wie man am besten darauf reagiert. Wirr? Nein, nur systematisch. Versagen gibt es nicht und vor allem nicht peinliche Momente riskieren. Aufgrund eines Fehltrittes ausgelacht zu werden ist so ziemlich das Peinlichste und Erniedrigendste, was man sich vorstellen kann.

Was hat das mit Bücher schreiben zu tun? Nun, sehr viel. Hauptcharaktere tragen die Geschichten und müssen einerseits stimmig sein und andererseits Ecken und Kanten haben. Nur so lassen sich soziale Spannungen in den Geschichten aufbauen, unerwartete Wendungen realisieren oder Katastrophen heraufbeschwören.

Also hunderte Male Situationen durchspielen und schauen, welches den optimalsten Effekt auf die Geschichte ausübt, egal ob positiv oder negativ. Déjà-vu? Siehe oben.

Und dann ist da doch meist auch der unterbewusste Wunsch, man möge doch selbst der Held der Geschichte sein und nicht der angepasste Normalo, der unauffällig durchs Leben schleicht.

Donnerstag, 13. November 2014

26 Jahre - Was ist schon normal?

26 Jahre von den ersten Schreibversuchen bis zum fertigen Buch. Na ja, wohl eher 16, aufgrund der 10-jährigen Pause dazwischen. So viel Ordnung muss ein.

Die meisten mögen es Wahnsinn nennen, andere Selbstüberschätzung bis zum bitteren Ende. Doch eigentlich ist es nur unermüdliche Ausdauer und das Festhalten an einem Ziel - einem Versprechen an sich selbst.

Im Leben eines Autisten bestimmen Regeln das Leben, manchmal unüberschaubare, tonnenweise ineinander verschachtelte Konstrukte. Ein Versprechen an sich selbst darf nicht gebrochen werden. Das würde das säuberlich darauf aufgebaute Leben ad absurdum führen.

Die ersten Jahre (1987 bis 1996) war Schreiben nur ein Hobby für mich. Ich wollte auch mal ein paar Bücher schreiben. Zuerst eines, dann ein zweites, gefolgt von einem dritten. Beim vierten kam der Absturz. Die Ernüchterung, dass der Schreibstil nicht reicht, die Geschichte zu langweilig ist und überhaupt das ganze eine unveröffentlichbare Katastrophe darstellt.

Bis 2006 war künstlerische Ruhe, bis das "Anomalie"-Universum meine Gedanken wieder so einvernahm, dass ich mir schwor, das vierte Buch (Anomalie - Schicksal) doch noch zu veröffentlichen. Dieses Mal mit der Konstanz und Penibilität, wie es sich für Buch gehört. Endlose Stunden wurde gefeilt, angepasst, neu geschrieben, verworfen und korrigiert, korrigiert, korrigiert. Das Resultat war mein erstes Buch, hinter dem ich mit Freude stehen kann. Es begeistert nicht nur mich, sondern auch viele meiner Leser. Vielen Dank für dieses Erlebnis. Ich möchte es nicht missen.

Nur eben, mit dem Strom schwimmen ist nicht. Das Buch musste Besonders sein. 'Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.' (Zitat Michael Ende)

Freitag, 7. November 2014

Autist als Autor

Wieso wird gerade ein Autist mit dem Asperger-Syndrom Autor für Fantasy-Romane?

Für Asperger-Autisten sind soziale Interaktionen unlogisch und belastend, da diese keinen nachvollziehbaren Regeln folgen. Um dennoch in der Gesellschaft unauffällig zu überleben, werden häufig ein oder mehrere Strategien angewandt.

Eine davon ist es, für sich selbst eine ideale, imaginäre Welt zu erschaffen. Darin kann man experimentieren und alltägliche Situationen durchspielen, ohne Angst zu versagen oder Fehler zu machen.

Meine Welt ist diejenige von Anomalie. Diese Welt begleitet mich seit dem Teenager-Zeitalter und hat mich so sehr begeistert, dass ich begann, Bücher zu schreiben. Zuerst nur im Verborgenen und dann später auch mit dem Wunsch, diese Bücher mit der Öffentlichkeit zu teilen.

Man kann sich vorstellen, dass es für mich nicht einfach war, meine Welt mit anderen zu teilen. Die Angst war gross, Ablehnung zu erfahren. Doch das Gegenteil war der Fall.

Wie ich sind noch viele andere Asperger-Autisten diesen Weg gegangen und nicht wenige davon sehr erfolgreich. Ein schönes Beispiel dafür, dass "Anders sein" sich gesellschaftlich auszahlen kann.

Die Welt anders sehen


Ich bin (vermutlich) Autist mit dem Asperger-Syndrom und sehe dies nicht als Behinderung an sondern als Gabe.

Mein Blog zeigt die Welt, wie ich sie sehe in Zusammenhang mit meiner Tätigkeit als Autor. Das heisst nicht unbedingt, dass diese Sichtweisen bei anderen Autisten ebenfalls so sind.

Das Blog soll vielmehr zu mehr Akzeptanz für anders denkende Menschen beitragen und diese integrieren und nicht ausgrenzen. Anders sein ist aus meiner Sicht eine Bereicherung für die Gesellschaft und keine Belastung.

Um zu verstehen, wie ein Autist mit dem Asperger-Syndrom im Prinzip denkt, kann man dieses eindrückliche Zitat hernehmen:
Also,
wenn ich nur darf,
wenn ich soll,
aber nie kann,
wenn ich will,
...dann mag ich auch nicht,
wenn ich muss.
Wenn ich aber darf,
wenn ich will,
dann mag ich auch,
wenn ich soll,
und dann kann ich auch,
wenn ich muss.
Denn schließlich:
Die können sollen, müssen auch wollen dürfen!